
Vorbereitet sein für mentale Notfälle und Awarenesskit für die Jugendarbeit
Eine Kooperation des Landesjugendring Berlin e.V. , der Fachstelle Inklusion in der Jugendarbeit Brandenburg, dem Kinder- und Jugendring Sachsen-Anhalt e.V. sowie der Sportjugend Berlin e.V.
Was ist ein 2.-Hilfe-Koffer?
Ein Erste-Hilfe-Koffer kommt zum Einsatz, wenn körperliche Verletzungen versorgt werden müssen. Doch was tun, wenn emotionale Unterstützung gefragt ist? Wenn auf der Freizeit alles zu viel wird, ein Freiwilligenseminar überfordert oder im Jugendclub starke Gefühle hochkommen? Auch das kann sich nach Notfall anfühlen und dann ist Unterstützung gefragt.
Emotionale Verletzungen sind meist nicht auf den ersten Blick erkennbar und können ganz plötzlich entstehen. Niemand kann auf jede Situation vorbereitet sein. Der 2.-Hilfe-Koffer bietet einfache Materialien, um emotionale Belastungen wahrnehmbar zu machen, erste Entlastung zu schaffen und Verständigung zu erleichtern.
Mit einem 2.-Hilfe-Koffer können Verletzungen selbstverständlich nicht abschließend versorgt werden. Bei der Ersten Hilfe geht es darum, im ersten Moment schnell zu helfen. Die Zweite Hilfe hilft dabei, emotionale Bedürfnisse – so vielfältig wie sie eben sind – erstmal sichtbar zu machen und zu beachten. Es ist eine Hilfe, emotionale Bedürfnisse und ihre Verletzungen schnell und unkompliziert zu benennen. Er ersetzt keine langfristige Begleitung und auch keine Therapie.
So entsteht eine wichtige Grundlage für alles Weitere und für ein respektvolles Miteinander und für Inklusion. Dieses bewusste Hinwenden zueinander, das Wahrnehmen von Grenzen und Bedürfnissen, nennen wir Awareness – ein zentraler Baustein für eine vielfältige und achtsame Jugendarbeit.
Was ist in diesem 2.-Hilfe-Koffer drin?
Die folgende Liste zeigt die Inhalte des 2.-Hilfe-Koffers, die in Kooperation zwischen dem Landesjugendring Berlin e. V., der Fachstelle Inklusion in der Jugendarbeit Brandenburg, dem Kinder- und Jugendring Sachsen-Anhalt e. V. sowie der Sportjugend Berlin e. V. entstanden ist.
Die Liste dient als Inspiration und kann für die eigenen Kontexte und Veranstaltungen angepasst und erweitert werden.

Desinfektionsspender: zur Vorbeugung von Infektionen
Hinweis:
Ihr könnt den beinhalteten Zerstäuber selbst mit Desinfektionsmittel befüllen oder einen seperaten Desinfektionsspender mitnehmen. Beschriftet den Zerstäuber, was ihr rein gemacht habt.

Einmalhandschuhe: zum Eigenschutz
Hinweis:
Keine Einmalhandschuhe beinhaltet, da individuelle Größen benötigt werden. Packt sie selbst in der passenden Größen und Anzahl hinzu. Meist braucht man mehr als ein Paar Einmalhandschuhe.
Periodenprodukte: um vorbereitet zu sein, für den Fall, dass eine teilnehmende Person zum ersten Mal menstruiert oder unerwartet die Periode bekommt

Augenmaske: zur Reduzierung optischer Reize

Ohrstöpsel: gegen unangenehme Geräusche und Lärm

Fidget Toys: zur Ablenkung, zur Beschäftigung der Finger, zum Spüren von Reizen auf der Haut

Bedürfnis-/Meldekarte: zum Anzeigen von Störungen oder Wünschen
Download: Druckvorlage Bedürfnismelder

Namensschild: machen unkompliziert sichtbar, mit welchem Namen eine Person angesprochen werden möchte
Download: Vorlage Namensschild für Etiketten-Druck

Pronomenaufkleber: machen unkompliziert sichtbar, mit welchem Pronomen eine Person angesprochen werden möchte
Download: Vorlage Namensschild für Etiketten-Druck

Social-Battery-Anzeiger: damit alle sofort erkennen, wie viel Energie für Gespräche und Kontakte eine Person gerade noch übrig hat

Akkupressurring: zur Ablenkung, zur Beschäftigung der Finger, zum Spüren von Reizen auf der Haut

Haargummi: um Haare zusammenzubinden

Starkes Kaugummi: um Anspannung zu verringern, um sich abzulenken durch Konzentration auf das Gefühl im Mund

Zerstäuber zum selbst befüllen z. B. mit Wasser, mit ätherischen Ölen oder Desinfektionsmittel.
Tipp:
Beschriftet den Zerstäuber, was ihr rein gemacht habt.

Atem-/Brottüte: zum Reinatmen bei übermäßig schneller Atmung (Hyperventilation), die durch Angst, Panik oder Stress ausgelöst werden kann

Kühl-/Wärmekissen: zum Wärmen / Kühlen bei körperlichen Beschwerden, zum Verringern von Anspannung, zur Ablenkung durch Konzentration auf das warme / kalte Gefühl auf der Haut, auch Einsatz als Fidget-Toy möglich

Traubenzucker: bei Unterzuckerung, für mehr Energie, um Anspannung zu verringern, zur Ablenkung durch Konzentration auf das Gefühl im Mund

Trost-/Pflaster: zum Abdecken von kleinen Wunden in verschiedenen (!) Hautfarben; zum Aufmuntern oder Trösten mit verschiedenen Motiven

Wie kann ich den 2.-Hilfe-Koffer noch erweitern?
Einen großen 2.-Hilfe-Koffer hat beispielsweise der Landesjugendring Brandenburg e. V. zusammengestellt. Die folgende Liste dient als Inspiration und sollte für die eigenen Kontexte angepasst bzw. erweitert werden.

- FFP2-Masken/OP-Maske: um andere Personen nicht anzustecken
- Kondome: zur Vorbeugung von Geschlechtskrankheiten und Verhinderung ungewollter Schwangerschaften
Hinweis:
Kondome und Lecktücher dürfen in der Jugendarbeit keinesfalls dazu genutzt werden, sexuelle Handlungen anzubahnen oder zu fördern. Da Sexualität jedoch ein natürlicher Bestandteil des Lebens ist – sowohl unter Jugendlichen als auch bei Jugendarbeiter*innen – ist es sinnvoll, sich damit fachlich und vorbeugend auseinanderzusetzen. - Lecktücher: zur Vorbeugung von Geschlechtskrankheiten
Hinweis:
Kondome und Lecktücher dürfen in der Jugendarbeit keinesfalls dazu genutzt werden, sexuelle Handlungen anzubahnen oder zu fördern. Da Sexualität jedoch ein natürlicher Bestandteil des Lebens ist – sowohl unter Jugendlichen als auch bei Jugendarbeiter*innen – ist es sinnvoll, sich damit fachlich und vorbeugend auseinanderzusetzen.
Anwendungshinweise
- Taschentücher
- Erste-Hilfe-Tasche
- Wärmflasche oder Kirschkernkissen
- Zeigewörterbücher
- Stift/Notizblock
- Ladekabel
- Spielkarten
- Queere Pins / Sticker/ Schlüsselband
- Genderneutrale WC-Schilder
- Luftpolsterfolie: Anspannung reduzieren, Beschäftigung der Finger und Ablenkung
- Aroma-Öle: Zum Anregen oder Entspannen oder zum Verringern von Anspannung / Ablenkung durch Konzentration auf den Geruch
- Igel- und Knautschbälle
- Starke Bonbons: Anspannung verringern / sich ablenken durch Konzentration auf das Gefühl im Mund
- Binden / Tampons in verschiedenen Größen
- Feuchttücher
- Mülltüten
- Entspannungsmusik
- Sonnenbrillen: zur Reduktion optischer Reize
- Übungen: um die Atmung zu regulieren, Stress abzubauen oder abzulenken
- Westen / Halstücher für Awareness-Team: um Ansprechpersonen zu erkennen
- Queere Flaggen
- Liste von Hilfsangeboten, Notfallnummern, ggf. Beratungsstellen vor Ort/online
Wie kann ich Räume auf Awareness hin gestalten?
Ein achtsam gestalteter Raum kann viel bewirken. Mit Blick auf Awareness können wir Orte gestalten, in denen sich wohl und respektiert gefühlt werden kann. Hier findest du Anregungen, wie Awareness-Räume eingerichtet werden können.
- Kennzeichnet klar den Raum z. B. als „Ruheraum“ / „Awarenessraum“
- Hängt und legt eine kurze Info am Eingang aus: Wer darf rein? Wofür ist der Raum? Was ist hier nicht ok?
- Hängt und legt niedrigschwellig Infos sichtbar aus z. B. die Kontaktdaten vom Awareness-Team, die Wegbeschreibung zum Awareness-Raum
- Achtet auch die barrierearme Zugänglichkeit: ist der Raum gut auffindbar? Ist der Weg möglichst ohne Stufen? Hat der Raum genug Platz zum Rangieren mit Rollstuhl / Rollator oder um Entspannungsübungen zu machen?
- Achtet auf Tische und Stühle in verschiedenen Höhen
- Achtet auf weiche Sitzmöglichkeiten wie Couch / Matratze / Sitzsack / u. v. m.
- Achtet darauf, dass die Toilette barrierefrei und in erreichbarer Nähe ist. Der Weg zur Toilette sollte barrierefrei und gut ausgeschildert sein
- Macht eure Regeln sichtbar: Konsens, Schweigepflicht, Respekt; keine Grenzüberschreitungen; kein Rassismus, Queerfeindlichkeit, Ableismus
- Nutzt klare, einfache Sprache in euren Informationen
- Macht eure Teilnehmer*innen stark und gebt ihnen den Hinweis, dass Menschen Grenzen benennen dürfen und sie Unterstützung bekommen
- Achtet auf die Möglichkeit zum Abdunkeln der Fenster
- Achtet auf warmes, dimmbares und nicht flackerndes Licht z. B. durch Stehlampe oder Lichterkette statt grelles Deckenlicht
- Kissen und Decken
- Kalte und warme Getränke wie Wasser, Tee, Kakao oder Kaffee; denkt auch an zuckerhaltige Getränke wie Fruchtsäfte
- verschiedene Snacks (Schokolade, Obst, etc.)
- Ruhige Bücher, Magazine
- Mal- und Zeichenutensilien mit Stiften, Papier und/oder Ausmalbildern
- Uhr
- Handreichungen mit leicht anwendbaren Atem-, Entspannungs- und Körperübungen zur Beruhigung und Selbstregulation des Nervensystems
- Wenn möglich, habt mindestens eine ansprechbare Person in der Nähe, die zu Awareness, Diskriminierungen und Krisen geschult ist und sich bei Bedarf von der Veranstaltung für Gespräche zurückziehen und Betroffene betreuen kann
- Schult euer Team zu Barrieren (körperlich, psychisch, sprachlich) und zu queersensibler, rassismuskritischer und ableismuskritischer Haltung
- Holt euch Rückmeldungen von Nutzer*innen ein: „Fühlt sich der Raum für dich sicher und zugänglich an? Was fehlt dir?“
- Hinweis: Ein Awareness-Team kann helfen, allgemeines (emotionales) Unwohlsein kurzfristig zu reduzieren. Es ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Behandlung
Woher bekomme ich weitere Informationen?
- Psychische Gesundheit im Kontext der Jugend(verbands)arbeit: https://www.kjr-lsa.de/psychischen-krisen-begegnen/
- Psychischen Krisen begegnen
- Eine Hilfestellung für Ehrenamtliche in der Kinder- und Jugendarbeit: https://www.kjr-lsa.de/wp-content/uploads/2022/09/Psychischen_Krisen_begegnen_endgueltig.pdf
- Linksammlung an Hilfsangeboten: https://www.kjr-lsa.de/psychischen-krisen-begegnen/linksammlung-an-hilfsangeboten/
- Gesprächsansätze: https://www.kjr-lsa.de/psychischen-krisen-begegnen/gespraechsansaetze/
- Erste Hilfe bei emotionalen Krisen und psychische Gesundheit in der Jugendverbandsarbeit: Leitfaden des LJR Berlin
- Erste Hilfe für psychische Gesundheit: Broschüre des LJR Brandenburg
Hinweise
- Ein 2.-Hilfe-Koffer kann helfen, allgemeines (emotionales) Unwohlsein kurzfristig zu reduzieren. Er ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Behandlung.
- Auch wenn in der Liste Marken deutlich zu erkennen sind, haben wir keine Präferenz oder ein Sponsoring.
- Kondome und Lecktücher dürfen in der Jugendarbeit keinesfalls dazu genutzt werden, sexuelle Handlungen anzubahnen oder zu fördern. Da Sexualität jedoch ein natürlicher Bestandteil des Lebens ist – sowohl unter Jugendlichen als auch bei Jugendarbeiter*innen – ist es sinnvoll, sich damit fachlich und vorbeugend auseinanderzusetzen.
- Auf den Fotos sind von uns zusammengestellte 2.-Hilfe-Koffer für Gruppen und für Einzelpersonen zu sehen.
- Wir möchten die Idee eines 2.-Hilfe-Koffers weiterentwickeln und würden uns über Feedback und Tipps aus der Praxis freuen. Melde dich gerne bei Constanze unter constanze.weber@kjr-lsa.de